Hitman-4.de – The Lounge for Real Professionals

Paragraph 47

Ich hatte mir gerade einen warmen Kaffee aufgesetzt, als mir ein Kollege mitteilte, dass im Ostflügel eine Frau aufgegriffen worden sei, die versucht hatte, in ihrem Koffer eine Pistole des Typs Colt M1911 durch den Metalldetektor zu schmuggeln. Wenn so etwas im Weissen Haus passierte, leuchteten natürlich bei uns Secret-Service-Leuten alle Warmlämpchen auf. Man musste sofort mit einem Attentatsversuch auf den Präsidenten rechnen. Doch in diesem Fall schien die Gefahr im Keim erstickt worden zu sein. Wir lästerten ein wenig über die Borniertheit der Frau zu glauben, sie könne in ihrem Koffer eine Waffe ins Weisse Haus schmuggeln. Als wir uns genug über die Frau ausgelassen hatten, machten wir uns alle wieder daran, unserer Arbeit so sorgfältig wie möglich nachzugehen. Schliesslich war uns bekannt, dass ein Attentat auf den Präsidenten geplant war. Dieser weilte zwar zu Zeit noch in Los Angeles, aber man konnte in so einer Situation nicht vorsichtig genug sein. Schliesslich wäre es möglich, dass der Attentäter nicht gut informiert war und frühzeitig in Weisse Haus stürmte. Wenn er dann merkte, dass der Präsident noch gar nicht dort war, tötete er womöglich vor Wut den Vizepräsidenten oder fing an, wild um sich zu schiessen. So etwas kam vor allem bei extremistischen Attentätern des öfteren vor. Wie auch immer. Es war etwa eine halbe Stunde vergangen, seit ich das mit der Frau erfahren hatte, als plötzlich im Westflügel, wo ich mein Büro hatte, überall Alarmsirenen aufheulten. Über Lautsprecher teilte uns ein Kollege mit, dass soeben die Leiche des Vizepräsidenten in dessen Büro aufgefunden worden war. Sofort rannten wir hinüber ins Hauptgebäude.

Mir drehte sich der Magen um als ich sah, wie Morris zugerichtet worden war. Ein 15 Zentimeter langer Nagel ragte aus seinem linken Auge heraus, ein Blutrinnsal floss an seiner linken Schläfe entlang und verdickte sich unterhalb seines Kopfes zu einer dickflüssigen dunklen Pfütze. Ich zwang mich zum Nachdenken. Wie war es dem Killer gelungen, so nah an den Vizepräsidenten heranzukommen und ihm einen Nagel ins Auge zu rammen, ehe dieser Zeit gehabt hatte, um Hilfe zu rufen? Die Gedanken schossen mir durch den Kopf wie das Projektil einer 9-mm-Pistole. Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: die Bauarbeiten im ersten Stock. Soviel ich wusste, verwendeten die Arbeiter Nagelpistolen, um das Paket am Boden zu befestigen. Ich rannte wie vom Blitz getroffen die Treppen rauf. Oben angekommen bog ich nach rechts ab und schritt durch die Tür. Ich stand in einem Zimmer, in dem Bilder angehängt und die Möbel mit Planen überzogen waren. Sofort bemerkte ich den Luftzug, der von rechts zu kommen schien. Das Fenster stand offen. Ich sprintete darauf zu und spähte hinaus. Draussen lag ein Mann splitterfasernackt im Regen. Es musste einer der Arbeiter sein. Ich stieg durch das Fenster hinaus auf das Gerüst, das an der Seite der Fassade aufgebaut worden war. Als ich meinen Finger auf die Halsschlagader des Mannes legte, bemerkte ich einen schwachen, aber gleichmässigen Puls. Er lebte noch.

Als ich gerade wieder im Erdgeschoss angelangt war, um einen Sanitäter zu rufen, spürte ich eine schwere Erschütterung, die durch das gesamte Gebäude ging. Sofort fingen alle an hin- und herzurennen. Offenbar hatte es im Westflügel eine Explosion gegeben. Ich rannte zusammen mit meinen Kollegen zurück in den Westflügel um nachzusehen was geschehen war. Sowie ich das Gebäude betrat, spürte ich die kalten Wassertropfen in meinem Gesicht, die die Sprinkleranlage überall verteilte um das Feuer zu löschen, das im Oval office ausgebrochen war.

Ich kam gerade um die Ecke, als ich einen stämmigen Mann auf mich zurennen sah. Ich hatte keine Zeit mehr auszuweichen und der Fremde, der wie ein Pförtner gekleidet war, rammte mich zur Seite. Die Wucht war so heftig, dass ich nach hinten stolperte und fiel. Doch ich wurde von den langen Halmen eines Farnbusches aufgefangen. Als ich wieder zum Stehen kam, nahm ich sofort die Verfolgung auf. Es ging um ein paar Kurven, dann durch eine Tür und die Treppe hinauf. Ich bemerkte, dass sich einer meiner Kollegen der Verfolgung angeschlossen hatte. Dummerweise hatte ich nicht die Zeit ihn genauer zu betrachten, denn dann wäre mir aufgefallen, dass dieser Mann überhaupt nicht zum Secret Service gehörte. Also rannte ich weiter, beruhigt darüber, dass ich den vermeintlichen Killer nicht alleine zur Strecke bringen musste. Wir sprinteten an meinem Büro vorbei durch die Tür nach draussen aufs Dach des Westflügels. Etwa zehn Meter vor uns rannte der als Pförtner verkleidete Killer. Ich sah im Augenwinkel, wie der andere Agent seine Waffe zog, stehen blieb, in die Knie ging, zielte und schoss. Verdammt, was sollte das? Wir hatten doch strikte Order, Attentäter lebend zu fangen und nur im Notfall von der Waffe Gebrauch zu machen. Ich blieb stehen und drehte mich zu dem Agenten um, als mir endlich auffiel, dass dieser Mann nicht zum unserem Team gehörte. Ich hatte ihn nie zuvor gesehen. Aber auch er schien gemerkt zu haben, dass seine Tarnung aufgeflogen war. Blitzschnell richtete er die Waffe auf mich und feuerte … einmal … zweimal. Die beiden Projektile trafen mich in der rechten Brust und es fühlte sich an, als würde jemand mit einem Vorschlaghammer auf mich einprügeln. Mir blieb die Luft weg und ich ging zu Boden. Ich sah zu dem glatzköpfigen Killer auf, doch dieser hatte sich bereits von mir abgewendet und wieder das Feuer auf den anderen Killer eröffnet. Das Mündungsfeuer erhellte immer wieder wie kleine Blitze die Nacht, dann war alles vorbei, Stille umfing mich und ich glitt in einen warmen Schlaf der Geborgenheit.

Später erzählte mir ein Kollege, wie er mich auf dem Dach gefunden und zu einem Notarzt gebracht hatte. Der Pförtnerkiller war ebenfalls auf dem Dach gefunden worden, tot. Von dem glatzköpfigen Killer gab es keine Spur. Durch das Durcheinander, das im Ost- und Westflügel geherrscht hatte, war es ihm wahrscheinlich ein Leichtes gewesen, unbemerkt zu entkommen.

IRC-Channel